Die Nixe vom Schwarzen Teich  
In der kleinen sächsischen Stadt Neusalza-Spremberg, im Oberlausitzer Bergland gelegen, befindet sich hinter dem Erlebnisbad mitten im Wald der sogenannte „Schwarze Teich”. Er liegt zwischen den Ortsteilen Sonneberg und Neuspremberg, die tschechische Grenze ist nahe. In geringer Entfernung von ihm erhebt sich ein monumentaler Findling, den man „Hussitenstein” nennt. Ein Wanderweg ins Böhmische führt an beiden vorbei. 
 
Der idyllische kleine See heißt seit alters her so, aber von den heutigen Einheimischen weiß niemand mehr, wie und wann er zu seinem düsteren Namen kam. Die Bezeichnung soll bis ins Mittelalter zurückgehen, als die Stadt Neusalza noch gar nicht existierte. Es mag um 1200 gewesen sein, als bäuerliche Familien aus Franken und Thüringen in die dichten Waldgebiete des Oberlausitzer Berglandes und an der Grenze zu Böhmen vordrangen, um hier zu roden und das Land urbar zu machen. So entstand auch das Dorf Spremberg als Waldhufendorf, und seine Gemeindeflur beiderseits der Spree wurde alsbald durch die neuen deutschen Ansiedler gerodet und planvoll aufgeteilt. Die Flurstücke bekamen fleissige Bauernfamilien zur Bewirtschaftung. Auch Handwerker fanden hier eine Heimat und ihr Auskommen. Das mittelalterliche Dorf und seine Bewohner erlebten unter ihrem Dorfoberhaupt Hertwicus bald eine Blütezeit. Ein Segen für die Dörfler waren auch die fischreichen Teiche in der südlichen Gemarkung nahe der Grenze zu Böhmen. Die Spremberger, Jung und Alt, lebten dabei gedeihlich mit den guten Geistern in Haus, Hof und Natur, die damals die Gegend bewohnten. 
 
Zu ihnen gehörte auch die anmutige und gütige Nixe mit langen blonden Haaren im Spremberger Waldsee, dem späteren Schwarzen Teich. Er zeigte sich damals glasklar. In ihrem nassen Reich gebot sie über Schwärme von Fischen, darunter über Goldfische, ihre Lieblinge. Sie hatten sich einst aus fernen Gewässern kommend entkräftet hierher verirrt und wurden von ihr gepflegt. Die Wasserfee sonnte sich im Sommer oft auf ihrer Seerosenwiese oder an den Ufern und zeigte sich zuweilen den Sprembergern, wenn sie an ihrem Teich vorbei ins Böhmische gingen, in menschlicher Gestalt als wunderschöne Frau. 
 
Sie war den Sprembergern wohlgesonnen und erwies sich als Wohltäterin, indem sie ihnen erlaubte, in ihrem Teich zu fischen, jedoch unter der Bedingung, keinen Goldfisch zu fangen und kein Netz auszuwerfen, sondern nur mit der Rute zu angeln. Dafür sollten die Dorfbewohner für die Nixe im Winter, wenn der See drohte zuzufrieren, Luftlöcher ins Eis schlagen, damit sie an die Oberfläche konnte und auch ihre Fische nicht erstickten. Sie ermahnte aber die Spremberger, wenn sie die Abmachung nicht einhielten, werde sich das Glück wenden und das Wasser des Sees schwarz färben, und sie und die Fische müssten dadurch sterben. 
 
Der Spremberger Dorfälteste versicherte es ihr im Namen aller und wachte streng darüber, dass sich seine Mitbewohner an die Zusage hielten und ihr auch sonst kein Leid widerfuhr. Mancher junge Bursche, der von den weiblichen Reizen der Nixe betört war, träumte von ihr und hätte sie gern zur Frau gehabt, aber sie hielten sich an die Gebote. Einen ganz aufdringlichen, kecken und zuweilen bösartigen Buben, der ihr zu nahe kam - es war Michel, der Sohn des Dorfschmieds - entwischte sie, weil er nicht schwimmen konnte. Das Leben im Dorf verlief dank des weisen und gerechten Dorfoberhauptes weiter wie bisher in geregelten Verhältnissen. Aber nach geraumer Zeit sollte sich das ändern. Der von der Nixe abgewiesene und tief gekränkte Freier Michel, der zudem mehr haben und sein wollte als seinesgleichen, fasste einen hinterhältigen Plan, der den Dorfbewohnern verborgen blieb. Auf dem väterlichen Anwesen hatte er seit längerem heimlich ein grösseres Fischernetz versteckt, das ihm einst ein hausierender böhmischer Händler vermachte. 
 
An einem dunklen und stürmischen Herbstabend, den Hofhund hatte er abgelenkt und beruhigt, holte er das Netz hervor und belud damit seinen hölzernen Handkarren. Dessen Räder hatte er zuvor geschmiert, damit sie nicht knarrten und ihn verrieten. Eilig begab er sich auf kürzestem Weg von der Schmiede im Niederdorf zum Schwarzen Teich. Der Mond schien fahl und die Wipfel der Bäume rauschten, unterbrochen von den Rufen eines Uhus. 
 
Auf seinem nächtlichen Marsch überlegte der junge Mann immer wieder, wie er sich am besten der schönen Nixe und ihrer zahlreichen Fische bemächtigen könnte. Alsbald war er am Schwarzen Teich angelangt, dessen Wasseroberfläche sich unruhig bewegte. Er ging zu der Uferstelle, an der er die Seejungfer oft hatte sitzen sehen und warf geschickt das grosse Netz aus. Der junge Schmied spürte bald, dass das Netz immer schwerer wurde und wollte es flugs einziehen. Er sah, dass sich darin die Nixe mit ihren langen blonden Haaren und viele Fische verfangen hatten. Er zog und zog und hatte fast die Hälfte des prallen Netzes sicher am Ufer. 
 
Michel verschnaufte kurz und rief dann triumphierend: „Nun, meine holde Nixe, jetzt habe ich dich endlich gefangen. Du entwischt mir nicht mehr. Als mein Weib kommst du noch heute Nacht mit mir nach Hause. Die vielen Fische, auch deine geliebten Goldfische, werden ihr Geld wert sein und schmecken.” 
 
Die erschöpfte Nixe, die ihn wiedererkannte, flehte ihn mit seinem Namen an: „Michel, lasse von deinem bösen Vorhaben ab, es wird dir und dem Dorf kein Glück bringen. Du kennst meine Warnung und die Zusage deines Dorfältesten.” Höhnisch erwiderte Michel darauf: „Lass das Geschwätz, es interessiert mich nicht. Ich werde mein Werk vollenden”, und er versuchte das Netz weiter herauszuziehen. Da bäumte sich die Nixe mit aller Kraft auf und entkam der Falle. Sturm und Regen peitschten die Wellen des Sees derart hoch, dass das schwere Netz samt Michel vom Ufer ins Wasser zurück rutschte. Er konnte dem nassen Element nicht mehr entrinnen und ging unter. 
 
In der Nacht zog über Spremberg wie ein böses Omen ein schweres Gewitter auf, das die Menschen fürchten lehrte. Erst in den frühen Morgenstunden beruhigte sich das Wetter und ein freundlicher Herbsttag begann. Die Dorfbewohner vermissten Michel und suchten ihn. Sie ahnten Schlimmes. Als der Dorfälteste, der Vater Michels mit seinem Hund und weitere Männer zum Waldsee kamen, sahen sie viele tote Fische und den leblosen Körper Michels auf dem schwarz gefärbten Wasser treiben, und auch die Nixe blieb verschwunden. Ein Stück vom Netz, das aus dem Schilf herausragte, erbrachte die letzte Gewissheit darüber, welches Unglück Michel mit seiner Schandtat heraufbeschworen hatte. 
 
Nicht lange danach brannte die Kriegsfackel am Horizont. Die schwarzen Rauchwolken erreichten auch das wohlhabende Dorf an der oberen Spree. Furchterregende Krieger aus fernen Landen suchten Spremberg heim, mordeten, plünderten und brandschatzten. Die Prophezeiung der Nixe im Spremberger Waldsee war in Erfüllung gegangen. Erst allmählich konnten sich Dorf und Bewohner von den Kriegswirren erholen. Seit dieser Zeit wird das einsame Gewässer in Neusalza-Spremberg der Schwarze Teich genannt. Im Schatten der benachbarten hohen Bäume zeigt sich seine Wasserfläche heute wirklich schwarz, und mancher einsame Wanderer will in lauen Nächten am Teichufer bis heute die klagenden Rufe der Nixe vernommen haben. 
 
Nacherzählt und neu gestaltet durch Dipl.-Hist. Lutz Mohr (Greifswald), 
korrespondierendes Mitglied der Interessengemeinschaft „Ortsgeschichte” (IGO) Neusalza-Spremberg der Kultur- und Heimatfreunde Neusalza-Spremberg e. V.

 
 
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