Sage Teufelskanzel  
Vor dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) lebte auf dem Rittergut Ober-Spremberg ein allseits geachteter Besitzer. Er war ein gerechter und mutiger Mann. Auch seine Frau war die Güte selbst und linderte manch hartes Los. Es war wieder Herbst, und der alte Schäfer des Gutes namens Gotthelf weidete wie immer mit seinen beiden Hunden die ihm anvertraute Schafherde. Da es ein außergewöhnlich schöner Tag war, beschloss er, auch des Nachts mit seinen Tieren draußen auf der Wiese in der Nähe des heutigen Spreeparks zu weiden und in seinem Schäferkarren zu übernachten. Der Vollmond strahlte hell auf die Fluren nieder. In dieser Nacht hatte der alte Schäfer ein Erlebnis, wie es ihm in seinem langen Leben noch nicht vorgekommen war. Er hatte sich zur Ruhe niedergelegt. Da wachte er plötzlich von einem hellen Schein auf. Eine Feuerkugel huschte hinter der alten Ulme vorbei, in deren Nähe er seinen Karren hingestellt hatte, und verschwand dann im nahen Walde. Eben schlug die Spremberger Kirchturmuhr die zwölfte Stunde. Mit dem Schlaf war es nun ganz vorbei. Er grübelte bis zum Morgen, was das für eine Bewandtnis habe. Als es hell wurde, ging er hin zum Walde und sah nach, ob noch etwas von dem feurigen Zeichen zu sehen war.  
 
Er war noch keine fünfzig Schritt in den Wald, dem heutigen Spreepark, hineingegangen, als plötzlich ein unheimliches Rauschen erschall, gerade als ob ein starker Sturm losbrechen wollte. Es rauschte immer stärker, dennoch bewegten sich keine Äste im Walde. Dem Alten stiegen die Haare zu Berge, er wusste nicht, ob er weitergehen oder zurücklaufen sollte. Er fasste sich jedoch ein Herz und ging vorsichtig weiter. Da war es ihm, als ob das Brausen vor ihm zurückwich. Auf einmal sah er einen feurigen Schein, und mittendrin stand der Teufel in leibhaftiger Gestalt! Vor Schreck brach Gotthelf bewusstlos zusammen. Früh fand der Gutsherr seinen Schäfer im Grase liegend.  
 
Er nahm ihn mit nach Hause und erzählte alles seiner Frau. Nun warteten sie beide, dass der Alte wieder seine Augen aufschlug und zu sich käme. Als Gotthelf die Augen aufschlug, fragte er zuerst nach seiner Herde und seinen Hunden. Dann fiel er wieder in einen unruhigen Schlaf, aus dem er mit wirren Reden immer wieder aufschreckte. Bald sprach er von einer Feuerkugel, bald vom Teufel inmitten feuriger Glut. Seine Schafe musste an diesem Tag ein anderer Knecht hüten. Der Alte war nicht dazu imstande. Als Gotthelf am Nachmittag vollends zu sich kam, musste er dem Gutsherrn alles erzählen, was in der Nacht geschehen war, dann wurde er nach Hause geschickt. Dort grübelte er jedoch ständig über den nächtlichen Vorfall nach. Weil er keine Ruhe fand, ging er am Abend zu seinem Freund Christoph, dem Schäfer des benachbarten Rittergutes Nieder-Friedersdorf. Der Weg dahin führte durch den Spreepark, da es damals die jetzige Fahrstraße zu den Nachbarorten noch nicht gab. Er musste wieder an den Steinen vorbei, wo er in der Nacht den Bösen gesehen hatte. Obwohl er eifrig nach Spuren suchte, fand er nichts. Nur ein Loch bemerkte er im Felsen, das mit Wasser voll war. An der Grenze zwischen beiden Rittergütern traf er unvermutet seinen Freund, der hatte schon von dem Spuk gehört. Da hatte er es nicht mehr zu Hause ausgehalten. Er musste zu seinem Freund, um zu erfahren, was geschehen war.  
 
Sie setzten sich am Waldrand auf einem Baumstumpf, und Gotthelf musste erzählen, was er erlebte. Christoph hörte aufmerksam zu, dann sagte er: „Als ich noch ein kleiner Junge war, erzählte mir meine Großmutter manchmal, dass es Leute gibt, die mit dem Teufel im Bunde stehen. Diese treffen sich dann mit ihm an abgelegenen Stellen. Ganz sicher ist dieser Stein an der Spree ein solcher Treffpunkt. Das müssen wir erkunden. Gotthelf, höre ganz genau auf das, was ich dir sage! Wenn in vier Wochen wieder Vollmond ist, treffen wir uns um elf Uhr nachts bei der Ulme, hundert Schritt links von dem Stein. Der feste treue Glauben an Gott wird uns schützen, dass uns das Böse nichts anhaben kann. Erzähle aber niemand davon!” Endlos vergingen dem alten Gotthelf die nächsten Wochen.  
 
Endlich aber war es soweit, der Vollmond stand wieder am Himmel. Zur vereinbarten Zeit trafen sich beide und gaben sich stumm die Hand. Dann flüsterte Christoph zu Gotthelf: „Wenn wir an den Stein herankommen, fangen wir an zu beten, treten dann auf den Felsen und sagen: `Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen! ` Nun komm, das walte Gott!” Sie waren nur wenige Schritte gegangen, da war es ihnen, als ob sie gelähmt wären. War es Furcht oder die Macht des Teufels? Überall fing es zu rauschen und zu rascheln an. Starkes Rauschen erschallte, und böige Windstöße fegten durch den Wald. Doch die beiden ließen sich nicht irre machen. Im festen Vertrauen auf Gottes Hilfe schritten sie weiter geradewegs auf den Stein zu. Dort sagten sie stockend ihr Sprüchlein.  
 
Sie hatten aber kaum das Amen heraus, als ein furchtbares Getöse entstand, so stark, als ob alles in Grund und Boden geschlagen würde. Und mit einem Mal herrschte tiefe Stille. Ängstlich lauschten die Männer, was wohl nun kommen würde. Es blieb aber alles still. Nur das welke Laub wurde von unsichtbarer Hand herumgewirbelt. Dann erschallte ein teuflisches Lachen und Grabesstille war um sie her. Da liefen sie schnell zurück. Gotthelf nahm Christoph mit nach Spremberg, damit er in dieser Nacht nicht allein durch den unheimlichen Wald nach Hause musste. Erst am nächsten Morgen machte sich Christoph wieder nach Friedersdorf auf.  
 
Seitdem hat dort im Spreebusch niemand mehr etwas vom Teufel gesehen oder gehört. Er ist für immer verschwunden. Die „Teufelskanzel” im Spremberger Spreepark wurde in früherer Zeit auch „Taufstein mit feurigem Wasser” genannt.  
 
Nacherzählt und neu gestaltet durch Dipl.-Hist. Lutz Mohr (Greifswald), 
korrespondierendes Mitglied der Interessengemeinschaft „Ortsgeschichte” (IGO) Neusalza-Spremberg der Kultur- und Heimatfreunde Neusalza-Spremberg e. V.

 
 
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